Frank DukOwski

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wurde in Wuppertal geboren, arbeitete am Staatstheater, in der Nervenklinik, in engen Kellern, im Baum und im Internet, lebt in Berlin und an anderen Orten und ... glaubt an höhere Mächte. Dieser Blog soll dazu dienen, Geschichten, Gedichte, Fotos und Filmexperimente zu veröffentlichen, kurz: Dinge, die (wenn nicht in Lesungen) bislang kein passendes Podium hatten.

Freitag, 28. Februar 2014


Deutschlandradio Kultur
2.1.2014

E-BOOK
Frank Dukowski: "Vor dem Pilzgericht"
Von Marten Hahn


Pilze aus freier Wildbahn (dpa)
Lass uns in die Pilze gehen. Das sagt man so. Bis man dieses Buch gelesen hat. Danach hat man Angst vor Pilzen, überhaupt vor der Natur. Frank Dukowski lässt den Wald als den unheimlichen Ort wiederauferstehen, der er für die Menschen seit jeher war, als einen "Ort des Übernatürlichen, des Unmenschlichen".
Das ist die Geschichte: Der kleine Thomas zieht in "Vor dem Pilzgericht" mit seinem reichlich dysfunktionalen Elternhaus in den Wald, fernab der Zivilisation. Nach ersten zögerlichen Streifzügen fällt Thomas einer selbst erdachten Naturreligion anheim. Er begegnet der wilden Myriam, die ihn einführt in die Geheimnisse des Waldes und vor allem in die Geheimnisse der Pilze. Myriam, die nirgendwo zu wohnen scheint, außer in Thomas Kopf. Myriam, das Antidot zur Realität. Myriam, die vielleicht nicht ganz unschuldig daran ist, dass der erwachsene Thomas später beschuldigt wird, zwei Mädchen getötet zu haben.
Einzigartige Pilz-Novelle
Frank Dukowski lebt als Schauspieler in Berlin und schreibt Theaterstücke, Geschichten und Lyrik. "Vor dem Pilzgericht" ist sein erster längerer Prosatext. Gedruckt wäre "Vor dem Pilzgericht" allerdings nur ein Büchlein. Und das ist die Geschichte hinter dem Buch: Dukowskis einzigartige Pilz-Novelle ist als E-Book erschienen. Sie existiert also 'nur' als Datensatz, herausgebracht vom noch jungen Berliner E-Book-Verlag Das Beben.
Die Verlagsgründer – eine Gruppe von Buchhändlern, Übersetzern, Autoren und Schreiblehrern – taten sich 2012 zusammen, weil sie unzufrieden waren mit dem Angebot der großen Verlage. Zu selten fanden sie dort Außenseiterbücher und kurze Texte. Das Beben hat es sich deswegen zur Aufgabe gemacht, die Novelle wieder aufleben zu lassen. Eine kurze Form, die große Verlage auf Papier kaum wirtschaftlich produzieren können, die beim Publikum aber sehr beliebt ist – wie geschaffen also, als E-Book verlegt und vertrieben zu werden. Die kurze Form und das E-Book: Nur einige wenige der Großen, wie Amazon und Suhrkamp, haben das erkannt und führen Kurzgeschichten und kurze Sachtexte als digitale Lektüre im Programm.
Doppelbödig, fesselnd, schaurig
Im US-Magazin "The New Yorker" pries der britische Autor Ian McEwan in einem Essay einmal "die ökonomischen Erfordernisse" die den Novellenautor dazu zwingen, seine "Sätze hinsichtlich Präzision und Klarheit aufzupolieren". "Sie schwafeln und predigen nicht, sie verschonen uns mit verfünffachten Nebenhandlungen und aufgeblasenen Mittelteilen." McEwan glaubt, dass die Novelle die perfekte Form der Prosa verkörpere. Für ihn ist sie "die schöne Tochter eines umherstreunenden, aufgeblähten, unrasierten Riesen (wenn auch eines Riesen, der zu seinen besten Zeiten ein Genie ist)".
Dukowskis Pilz-Novelle illustriert all das sehr schön. Und dazu ist dieser Text wunderbar dunkel und doppelbödig, fesselnd, schaurig und radikal anders. Man klickt das Buch zuletzt mit dem Gefühl beiseite, selbst in einen Fliegenpilz gebissen zuhaben. Was als Erweckungserlebnis für den kleinen Thomas beginnt, wird zur Wahnvorstellung – auch für den Leser. Ein kleines Buch mit großer, halluzinogener Wirkung. Unbedingt lesen!

Frank Dukowski: Vor dem Pilzgericht
Das Beben, Berlin, 2013

Nur als E-Book, 3,49 Euro

Samstag, 29. Juni 2013

http://www.youtube.com/watch?v=jCVZayIKKuo

file://localhost/Users/frankschafer/Movies/Seltsamnichtwahr/

Barbaratag

Ali war ein Kumpel wie jeder andere. Unten im Berg sind alle gleich. Jeder hilft jedem. Jeder gibt was er kann. Kumpel sind so. Immer gewesen. Anders geht’s gar nicht. Im Berg ist hart. Gibt Leute, die das nicht aushalten. In den Achtzigern wurden die Schächte auf eine Teufe von manchmal 2000 Meter niedergebracht. Haufen Erde überm Kopf. Morgens zu wissen: Heute siehst du die Sonne nicht. Licht ist nicht. - nur da wo Kabel liegen, oder so lange die Batterien halten. Sonst ist finster, stockfinster. Stickiges Wetter aus dem Belüftungsschacht, und nur so lange die Maschine läuft. Schön ist was anderes!

„Sankt Barbara, bei Tag und Nacht, 

fahr' mit dem Vater in den Schacht!
Steh Du ihm bei in jeder Not,
bewahr' ihn vor dem jähen Tod!“

Haben die Kinder früher gebetet. Aber der Ali war Türke. Damit hatte er nichts am Hut. Hätte er vielleicht besser mal mitgebetet. Vielleicht hätt’s ja was gebracht. Aber Ali hatte ja Allah. – Wer weiß, vielleicht hätt’s ja was gebracht. Andere haben den Beruf gewechselt. Manche sind sogar zurück, oder haben bei uns Kneipen aufgemacht. Wie die Itakas oder die Jugos, bloß halt für Türken. Die waren ja eigentlich Bäcker oder Bauern und sollten bei uns untertage, nur weil sie gebraucht wurden. – Kamen eigentlich nur wegen dem Geld.

„Warum hier überall so schwarze Würmer?“, hatte Ali den Arzt gefragt. „Fliegen so rum. Wo kommen her? Gestern waren nich so dick! Woher das?“ - Aber da war schon alles zu spät.
Nicht nur der eine Arzt war ratlos. Ali wurde hin und her geschickt. Vom Augenarzt zum Nervenarzt. Vom Nervenarzt zum Internisten. Selbst Hirnforscher von der Uniklinik haben ihm den Kopf durchleuchtet. Aber keiner hat was gefunden. Man hat ihn behandelt, als sei er nicht richtig im Kopf, als würde er sich nur einbilden, dass er immer weniger sieht. Versuche mal einem, der als Bauer in Anatolien aufgewachsen ist, zu erklären, dass er Probleme im Kopf hat. So was bildet man sich nicht ein. Einige haben gesagt, dass er sich das Untertage geholt hat, wie früher die schwarze Lunge, dass er einfach zuviel im Berg war.
Ali ist irgendwann einfach nicht mehr hingegangen, zu den Ärzten. Selbst als er nichts mehr gesehen hat. Das war ihm lieber, als für verrückt erklärt zu werden. Er ging nur noch zum Arzt um die Bescheinigung zu kriegen. Obwohl: Kein Arzt hielt ihn für einen Simulanten. Es war klar, dass er blind wurde. Aber ohne Diagnose fiel er durch die Raster.

Und der Ali war gut als Kumpel, einer der Besten. Den haben sie überredet: „Bist bester Mann. Nix zurück Türkei! - Fortbildung!“
Stollenkoller kannte der nicht. Einmal gab’s für vier Stunden keinen Strom, wie im Sarg. Keine Beleuchtung, keine Bewetterung und die Förderkörbe stehen still. Hans ist danach nie wieder runter, hatte Muffensausen, ist dann in den Tagebau. Ali wollte am nächsten Tag die verlorene Zeit rausholen und ackert wie blöde. Der war nicht traumatisiert, der war sauer. Wer Ali kannte, der wusste, dass er sich da unten nie und nimmer eine Macke abgeholt hat. Da stand der drüber.
Hat ihm aber auch nichts genützt. Gab ja inzwischen immer weniger zu tun. Bald danach wurden die Zechen dann auch dicht gemacht, nach und nach. Aber Ali war ja sowieso ausgefallen, wegen Krankheit. Eigentlich hat man nie wieder was von ihm gehört. Alle dachten, der ist zurück in die Türkei.
Jedenfalls hat er sich die schwarzen Würmer nicht in Bochum geholt, dann schon eher in Anatolien. Er hat da mal so was erzählt. Und warum soll er sich das hier geholt haben? Keiner hier sonst sieht Würmer.

Aber es gibt da eine komische Geschichte, die vielleicht was mit Ali zu tun hat.
Als die Zeche gerade dicht war, gab es direkt die ersten Versuche, von wegen Bergbaumuseum und so. Am ersten Barbaratag nach der Zechenschließung wollte man die Arbeit der Kumpel richtig würdigen. Deshalb wurden die saubersten Bergmannskluften rausgelegt und man veranstaltete Führungen, richtig tief in den Berg, bis zu einer Teufe von 1800 Metern runter. Dabei ist was Komisches passiert.
Bei einer Führung, hat Ostjewski erzählt, wollte unbedingt ein Blinder mit. So richtig mit Taststock und dicker Sonnenbrille. Sprach auch so komisch flüsternd.
„Warum nicht?“ hat Ostjewski gemeint „Lass ihn in meine Gruppe. Ist ja eh dunkel da unten.“
Der Typ war aber nicht nur blind, sondern auch noch irgendwie wackelig auf den Beinen, war blass und hatte irgendwie fleckige Haut.
Und ausgerechnet dieser Typ ist dann auch noch im Stollen verloren gegangen. Der hat sich abgesetzt und ist im Berg verschollen. Wurde nicht an die große Glocke gehängt. Keiner hat Ostjewski je die Schuld gegeben. Wenn einer so was will, dann hindert ihn keiner.

Fast 25 Jahre war Ali auf der Zeche. Seine Kinder wollten gar nicht mehr nach Anatolien. Ali aber schon.
Jedes Jahr ist er runter. Hat in Anatolien ein kleines Haus gebaut, nur in den Ferien. Dann aber die ganzen sechs Wochen, mit der Familie. Hat viel gespart. Und dann kam die Krankheit.
„Schwarze Würmer“ hat er gesehen. Am Anfang nur ganz dünne. Wie wenn man sich die Augen reibt. Aber das wurde schlimmer. Später waren es wohl nicht nur die Augen. Wie bei dem Hund.

Er hat die Geschichte mal erzählt, nach den Ferien. Von dem Hund von seinem Onkel. In dem Dorf waren ja scheinbar alle Männer irgendwie Onkel von ihm.
In der Nähe von Alis Dorf in Anatolien gibt es nämlich so Löcher. Da hat man in der Gegend ganze Städte gefunden, untertage, zwanzig Stockwerke tief. Bis heute weiß man nicht genau, wer die da reingebuddelt hat, ohne Schlaghammer, vor Jahrtausenden. Und Ali wusste gar nicht, dass es so was ganz bei ihm in der Nähe gibt. Bis eines Tages, in den Ferien, der Hund vom Onkel nicht wiedergekommen war. Das war eigentlich der Hofhund, sonst immer an der Kette. Aber der kam wieder, wenn man ihn ab und zu losmachte. Bei Onkel Hassan gab es ja Futter.
Aber einmal kam er nicht wieder, und dann wollte Ali los - also mit seinen Söhnen -  die Töle suchen, jeder in eine andere Richtung. Die „Deutschländer“ hatten ja sonst nicht viel zu tun in den Ferien, außer Verwandtschaftsbesuche und am-Häuschen-mauern, aber nur so lange die Steine reichen.
Irgendwann sind sie also los. Da war der Hund schon zwei Tage weg. Wer das Vieh findet, durfte sich wünschen, wohin man ans Meer fährt für die letzten zwei Wochen.
Ali ist natürlich am weitesten gelaufen, weiter jedenfalls als die Kinder. War wohl auch ganz froh so unterwegs zu sein, mal allein, im Freien. So lief er eine ganze Weile durch die halbe Steinwüste, die die da haben, Mittelanatolien halt. Er kannte die Gegend ja gut. Ist ja da aufgewachsen.
Und irgendwann hört er doch tatsächlich so ein Wimmern, ganz weit weg. Er glaubt erst, das kann doch nicht sein. Hier ist doch nichts. Aber er hat es noch mal gehört, und ist einfach in die Richtung gegangen.
Das Loch war echt nicht groß. Er wäre beinah reingefallen. Grade so groß, dass ein Mensch reinpasste, so zwischen Büschen und Steinen.
Zuerst sah es gar nicht tief aus. Da konnte man rein steigen. Und das Hundewimmern hat er auch wieder gehört, ziemlich tief unten. Also ist Ali rein. Er hat da Stufen gefunden, die gingen wohl recht steil runter. So ganz dunkel war es da noch nicht, aber es wurde dunkler.

Ali war Kumpel und stolz drauf, deshalb hat er sein Geleucht wohl auch am Mann gehabt. Frische Batterien gab es in seinem Dorf aber keine. Und er hatte das Ding auch schon ziemlich oft den Dorfkindern gezeigt, nachts in den Himmel geleuchtet oder an die Berge überm Dorf. Das Licht war wohl schon schwach auf der Brust, aber er hatte seine Lampe wenigstens noch am Gürtel.
Als die steile Treppe tiefer ging, war er also nicht ganz aufgeschmissen. Und diese komische Treppe ging immer tiefer, immer geradeaus und steil runter. Er hat erzählt, das müssen Christen gewesen sein, die den Stollen angelegt haben. Er landete nämlich in einem Raum, der sah aus, wie in einer Kirche, mit Altar und Taufbecken und so weiter. Für ihn muss das wohl gruselig gewesen sein.
Ein Kreuz gab es da nicht. Aber sonst war es wie in einer dunklen Kirche. Mit seiner Funzel hat er den Raum abgesucht. Um den Altar rum waren Bilder an den Wänden, so reingemeißelt. Fische hat er gesehen, mit Schuppen. In Anatolien kriegt man echt selten Fische zu sehn, vielleicht hat er deshalb so lange da die Wände abgeleuchtet. Das Ganze war schon irgendwie komisch. Und von dem Hund keine Spur.
Beim Taufbecken war eine Schwanzflosse in den Stein geschlagen, wie wenn ein Fisch abtaucht und die Flosse guckt noch raus aus den Wellen. Direkt über dem Taufbecken. Zuerst hat er gar nicht bemerkt wie seine Leuchte funzeliger wurde.
Auf einmal hat er sich total erschreckt. Da waren Schatten. Er leuchtet die Wand ab, und es sieht aus, als würde etwas einen Schatten werfen. Aber da war nichts zwischen Lampe und Wand, und doch ist da was vorbeigehuscht oder –geflogen. WAS hat er nicht erkennen können, war ja nur ein Schatten.
Am anderen Ende der Kirche ging es weiter und irgendwann auch tiefer runter. Da gingen Gänge sonstwo hin. Er bekam langsam Angst sich zu verlaufen. Kreide hatte er keine dabei.
Aber als er noch Mal nach der Töle ruft, hört er tatsächlich wieder das Hundewimmern, und geht doch noch weiter. Noch eine Treppe, noch weiter runter.
Da unten wird es irgendwann feucht, so klamm. Er meinte sogar, es hätte fischig gerochen, aber vielleicht hat er sich das auch nur eingebildet.
Da irgendwann hat er gemerkt, dass es dunkler wird. Ersatzbatterien hatte er nicht. Aber der Hund fiepte schon ganz in der Nähe. Er also weiter.
Ein paar Mal hat er auch wieder Schatten gesehen, aber der Schein von der Lampe tanzt sowieso durch den Gang, wenn man beim Gehen hochleuchtet.
Hinter einer Felsnase ging es noch tiefer. Ein ganz enges Loch. Man musste sich bücken um da rein zu kommen. Stockfinster. Er ruft runter und hört ein Winseln. Da unten musste das Tier sein.
Ali hält das Licht rein, aber da ist nichts zu sehen. Schwarz wie Teer. Das Komische war, dass es da unten so schlagartig finster wurde. Das war nicht zu erklären. Wie wenn Nebel im Tal ist, nur schwarz.
Ali geht die Stufen runter und es wird kalt an den Füßen. Kurz danach kann er seine eigenen Knie nicht mehr sehen, obwohl die Lampe noch etwas Saft hat.
Es ist nicht richtig nass aber kalt, nicht dick aber irgendwie klebrig. Und es riecht nach fauligem Fisch. Alles so, dass man sich das noch einbilden kann, aber flau. Wie wenn man bei einer Sache echt schlechte Gefühle hat.
Aber Ali ist tatsächlich da rein gestiegen. Und er hat NICHTS mehr gesehen als er drin ist. Er hat geatmet wie im Dampfbad, aber es war kalt. Und es klebte auf der Zunge. Er tastet sich Schritt für Schritt da durch und hat dann plötzlich vor etwas Weiches getreten. Das Winseln von dem Vieh klang schwach und wie unter Wasser.
Er bückt sich. Unten war das Zeug zäher. Plötzlich beißt es ihm die Hand, beißt sich richtig fest, ist gar nicht mehr abzuschütteln. Dann schlägt ihm was vor den Kopf. Auf einmal stößt ihm was in den Bauch. Er packt den Hund und wälzt sich mit ihm am Boden, um den Biss zu lösen. Dabei tritt ihn was. Als würde man von allen Seiten nach ihm treten, in die Rippen, ins Gesicht, Tritte von überall. Wie die Neonazis. Und der Hund schnappt nach und verbeißt sich noch mehr.
Hin und her geprügelt, geschubst und geworfen, hat er aber doch irgendwie den Weg zur Treppe gefunden.
„Die haben mir an die Beine gezogen, aber ich bin hoch.“ Und als er aus dem schwarzen Zeug rauskommt, hat er den Hund noch im Arm.
Das Tier atmete flach und war inzwischen zu schwach um zu beißen. Die Lampe tat es wieder. Zwar nur so lau, aber immerhin. Und Ali hat nur noch gemacht, dass er da rauskommt, ans Tageslicht. Den Hund über der Schulter ist er durch die Gänge und die Kirche und endlich raus.
Und erst als er draußen ist, sieht er, was mit dem Hund los ist: Das Fell war weiß wie gebleicht aber die Haut da drunter schimmerte schwarz durch. Muss echt gruselig ausgesehen haben. Weiß und schwarz, wie auf alten Fotos. Und das Tier jappst und stiert benommen und die Hundeaugen hatten nichts Weißes mehr.
Von dem Tag an war der Hund vom Onkel Hassan blind. Und keiner wusste warum.

Die Geschichte hat Ali so natürlich keinem erzählt. Den Kindern hat man gesagt, der Hund wäre weg. Vor solchen Sachen muss man Kinder in Schutz nehmen. Die blauen Flecken und die gebrochene Rippe, hat er, - so hat Ali denen gesagt -  weil er unterwegs in ein Loch gefallen ist. Das Loch hat er keinem gezeigt. Besser ist das. Die Familie ist dann ans Meer.
Der Hund ist nicht mehr. Hat es keine zwei Monate mehr gemacht.
So hat er das erzählt. Ein halbes Jahr später kam zum ersten Mal das mit den schwarzen Würmern. Richtig arbeitsunfähig wurde er aber erst viel später. Das ging so langsam, dass er das Loch in Anatolien wohl schon vergessen hatte, im Schichtdieinst.

Ostjewski hat Ali nicht so gut gekannt, aber er meinte, der Blinde den er im Stollen hatte, der hätte irgendswie Ähnlichkeit mit Ali gehabt, außer vielleicht, dass er viel älter gewesen sein muss. Der Schnauzbart und die Haare waren schneeweiß. Ein alter Mann halt, vielleicht Türke. Die Bergmannskluft hat man gefunden, lag ganz unten am Rand einer Sumpfstrecke auf 2000 Metern, wo sich das Grubenwasser sammelt. Da muss der runter sein, allein. Aber der Blinde selber wurde nie gefunden. Führungen gab es danach keine mehr. Das hat gereicht.

So ein Gebet an Sankt Barbara kann jedenfalls nicht schaden. Besser mal eben runtermurmeln. Vielleicht hätt’s ja was gebracht.
Jedenfalls: Der Ali ist weg. Man macht sich so seine Gedanken.
Vielleicht haben sie ihn ja doch noch nach unten gezogen, seine „schwarze Würmer“.

Dienstag, 17. Juli 2012

Ewiges Leben

Ewiges Leben
von Frank Dukowski

Wie lange noch? Wird es je ein Ende geben? Ich sitze vor den Spielfiguren und denke nach. Der Läufer läuft, seine Muskelfetzten hinter sich. Der Reiter hockt auf seinem hautlosen Klepper. Immer verstörendere Abscheulichkeiten werden unserem Panoptikum stetig hinzugefügt. Und ich, ich denke.
Von Hagens ist kein Künstler. Wer sein Werke als Kunst einschätzt, irrt. Ein Künstler haucht Materialien Seele ein. Von Hagens tut das Gegenteil. Niemand schaut ihm unter seinen Hut. 
Ich weiß nicht, warum ich auf die Anzeige in den Heidelberger Nachrichten geantwortet habe. Etwas sagte mir, dass das hier nicht die Bauernfängerei der Zeugen Jehovas ist, und nicht das Larifari einer östlich angehauchten Esotheriksekte. Etwas war anders:
„Ewiges Leben“ 
Kein weiteres Wort, nur eine Telefonnummer. Ich ging zum Telefon und wählte. 
„Liebchen.“ meldete sich am anderen Ende eine leicht quäkige Männerstimme.
„Guten Tag. Ich rufe an wegen der Zeitungsanzeige.“ sagte ich.
„Interessieren sie sich für ewiges Leben?"
Zunächst stellte er mir Fragen: nach meinem Alter, meiner Größe, ob ich Raucher sei, ob ich einen Lebenspartner hätte, wie stark meine familiäre Anbindung sei. Manche der Fragen waren einfach mit 'ja' oder 'nein' zu beantworten („Sind sie Organspender?“-"Haben sie Angst vor Leichen?“), andere waren so kompliziert, dass ich sie nicht beantworten konnte: „Wie denken sie über die Nahtod-Erfahrung Joseph Beuys und den Stellenwert des Künstlers als Schamane einer entseelten Gesellschaft?“
Irgendwann dürfte auch ich Fragen stellen: „Wie darf ich mir das ‚ewige Leben‘ eigentlich vorstellen?“
„Es ist nicht einfach," wich mein Gesprächspartner aus,  "das am Telefon zu verdeutlichen. Am besten kommen sie morgen früh bei uns vorbei. Plastination ist ein kleines Wunder.“

An jenem Sonntagmorgen verließ ich also das Haus, um mich bei übelsten Novemberwetter an der endlosen Backsteinmauer entlang zu kämpfen, die die Straße am Güterbahnhof von den Schienen trennt. Das Wetter kroch in die Knochen. Der Regen schlug mir wagerecht entgegen und verfing sich in feuchten Wirbeln an der Mauer. Die Hosenbeine klebten mir nass an den Waden und von den Haaren tropfte es mir in den Nacken, als ich unter der angegebenen Adresse bei einem Lagergebäude ankam. Drei Geschosse hoben sich weit über die niedrigen Eternitdächer der anderen Hallen. Die roten Backsteine des fensterlosen, seelenlosen Klotzes ließen das Ding aussehen, als sei es selbst ein riesiger, auf die Seite gelegte Ziegelstein.
Eine Stahltreppe führte auf die LKW-Rampe unter einem schmalen Vordach. Ich bestieg die Rampe und lief von der Nasskälte getrieben, zügig die endlose Reihe der geriffelten Alutore entlang. Während ich mich gegen den Wind stämmte und den Backsteinklotz abging fluchte ich innerlich zum x-ten mal darüber, nicht einfach im Bett geblieben zu sein. Am anderen Ende des Gebäudes fand ich eine Stahltür und ein Klingelschild:             

Institut für Plastination und Gefäßerhaltung
Dr. Liebchen

Kaum hatte ich den Knopf unter dem mit Kugelschreiber gekritzelten Schriftzug betätigt, ertönte ein lautes Knarren, Schnarren und metallisches Knacken, ein Höllenlärm, der mich vor Schreck beinahe von den Beinen riss. Nass von Regen und Schweiß starrte ich auf den sich träge weitenden Spalt. Wie unwillig aus tiefem Schlaf erwachend öffnete das Lagerhaus das rechteste seiner Lider. Grauer Boden war drinnen zu sehen, Neonlicht. Schwarze Schuhe kamen zum Vorschein, eine dunkle Hose, ein Arztkittel, ein kariertes Hemd. Dann stoppte das Tor. Das Rattern machte einem Sirren und Brummen Platz, ein dissonantes Rauschen oder elektrisches Grundwabern. Die Person innen bückte sich. Ich sah eine Hutkrempe, ein Stethoskop, hörte die mir bekannte krächzige Stimme unverständlich drinnen hallen, und ein Arm winkte mir, ich solle unter dem halb geöffneten Tor durchkriechen. Ich bückte mich und folgte dem Wink ins Neonlicht.
„Herr... ?“
„Schmidt.“ sagte ich, indem ich mich wieder aufrichtete. "Wir haben telefoniert.“
„Ja, richtig. Herr Schmidt“
Vor mir stand eine seltsam zusammengewürfelt Gestalt zwischen Cowboy, Arzt und verrücktem Wissenschaftler und lächelte mich kränklich an. Am auffälligsten war sein Hut. Mir fiel ein: Es gab da diesen Künstler. Er war seit einigen Jahren tot, der mit der Fettecke. - Ach ja, Joseph Beuys! Der hatte auch immer einen Hut auf. Das Gesicht hatte ebenfalls Ähnlichkeit, die Wangen nicht ganz so eingefallen, wie bei dem umstrittenen Künstler. Der Mund war breiter, froschartig.
„Willkommen, Herr..."
"Schmidt."
"Ich freue mich sie begrüßen zu können. Kommen sie!" 
Bei diesen Worten betätigte er einen Schalter und das Tor setzte sich in entgegengesetzte Richtung in Gang. Der letzte Rest natürlichen Lichtes wurde vom kalten Neonbrennen abgelöst, während das infernalische Metalgeratter durch den Gang hallte.
"FOLGEN SIE MIR." brüllte mein Gastgeber. "DER KAFFEE IST FERTIG..."
Das Rattern erstarb. Das Tor war geschlossen und betont ruhig sprach er weiter:
"... und dann sprechen wir über 'ewiges Leben'."
Beunruhigend mit welcher Ironie er das sagte. Wie schmunzelnd er 'ewiges Leben‘ betonte. Der Begriff schien ihn zu amüsieren - auf eine Art, die ihm ein Lächeln über das Gesicht huschen ließ, während sie mir den Hals zuschnürte.
Nach seiner kurzen Ansprache hatte sich Liebchen fast fluchtartig davongemacht, doch nicht ohne mich nochmals wie in beschäftigter Eile hinter sich her zu winken. Ich folgte. Mit ein paar Blicken nur konnte ich erhaschen, was sich in der Eingangshalle befand: Der Raum  war entlang den Wänden und bis in die Ecken vollgestellt mit den weißen vibrierenden Körpern von Kühlschränken, Kühltruhen und Gefrierkombinationen der verschiedensten Bauart. Uralte rundliche Exemplare verbreiteten wahrscheinlich das Summen und Brummen, das so bedrückend im Raum schwebte. Für eine Sekunde spielte meine Phantasie verrückt und ich malte mir Leichenteile darin aus.
„Hier entlang, bitte!“ - Liebchen bog rechts in eine weiße Stahltür, die zwischen den Kühlkombinationen kaum auffiel, ab. Wir betraten ein fensterloses Büro. Es gab hier einen großen Schreibtisch mit Computer und Telefon. In der Ecke stand eine Ledergarnitur. Hinter dem Schreibtisch befand sich eine Liege wie aus dem Behandlungsraum eines Arztes. Darüber an der Wand leuchtete wie als Karikatur eines Fensters eine weiße Hinterlichtfläche, wie man sie zu Demonstration von Röntgenbildern benutzt.
„Nehmen sie Platz.“ - Er deutete auf das Sofa, und rückte sich den Sessel zurecht. Auf dem kleinen Tisch zwischen uns war ein Schachspiel aufgebaut. Liebchen sah meinen Blick auf das Brett und lächelte.
„Unsere menschliche Existenz ist endlich." begann er seinen Vortrag. "Der religiöse Glaube an ein Leben nach dem Tod hat an Kraft verloren. Die Versuche die Seele zu beweisen sind misslungen. Nur im flüchtigen Gedächtnis anderer weiter zu leben, ist dem Menschen aber zu wenig. Was also tun?! "
 Ich hatte keine Ahnung.
„Steine sind, wenn man so will, unsterblich. - Sie lachen?! -"
Ich lachte nicht.
"Sie möchten erwidern, das Steine überhaupt nicht leben. Das mag sein, aber sind sie deshalb seelenlos? - Haben sie schon einmal vor einer Statue eines italienischen Meisters gestanden und waren beeindruckt? - Im Stein sehen wir den materiellen Weg zur Ewigkeit, im Kunstwert gleichzeitig den immateriellen, unmessbaren, die Seele - wenn man so will. Können sie mir folgen?“
Nein, ich konnte nicht folgen. Der Mann mit Hut im Sessel gegenüber hatte die Hände beim Sprechen fest und streng ineinander gefaltet wie zum Gebet. Ich sah, wie der Druck der eigenen Hände, die Durchblutung beeinträchtigte. Was wollten diese Hände tatsächlich tun, von dem sie sich gegenseitig verkrampft abhielten? Es war warm hier, schwül, stickig. Mir wurde schwindelig. Oder lag es an diesem Geruch, diesen medizinischen Dämpfen, die in der Luft hingen? Es roch nach Kunststoff und Verwesung, nach Formalin, Azeton und Gammelfleisch.
„Herr Schmidt?!“
„Ja, ja.“ - Ich nickte heftig, wie aus Sekundenschlaf erwacht. 
„Es gibt Substanzen, die ähnlich dauerhaft sind wie Gestein. Ich spreche von modernen Kunststoffen. Haben sie schon einmal etwas von Plastination gehört?“
Ich zuckte mit den Schultern und etwas in dem Blick unterhalb der Hutkante triumphierte. Von Hagens senkte den Kopf, um es zu verbergen.
„Plastination ist mein Patent, meine Erfindung. Ich habe die Plastination zum Mittelpunkt meines Lebens erkoren...“
Er sprach viel an diesem Morgen. Er bot mir Kaffee an, und sprach von Azeton, Silikon, Plexiglas und von der Faszination des menschlichen Körpers. Ich verstand nicht viel. Mir war flau. Schließlich standen wir auf und er führte mich in einen Raum mit grauen Schubladenschränken, wie man sie zur Akteneinlagerung benutzt. Liebchen hob eine Schachtel von halber Schuhkartongröße aus einer Schublade, und ging damit zu einem kleinen Arbeitstisch. Was für ein seltsames Etwas war das? Vorsichtig hob er den handgroßen Körper aus der Verpackung.
„Raten sie mal, was das hier ist."
Es war physischer Schmerz, den ich empfand, als ich jene Kreatur in seinen Händen sah. Vielleicht war es ein Wiederhall der Schmerzen, die dieses Tier empfunden hat, als man ihm die Haut abzog, vielleicht nur meine Phantasie, die mir die Magengrube durchwühlte, in der Brust stach und die Glieder wie in Abwehr zucken ließ. Die Nacktheit des enthäuteten Körpers war entstellend. Das Fleisch-Knochen-Ding sah aus, als hätte man vollgeblutete Taschentücher an Zahnstochern aufgespannt. Was mochte es sein? Ich erkannte, dass es einmal ein Nagetier gewesen sein musste. Scharfe Vorderzähne waren in der Erstarrung des aufgerichteten Kopfes aggressiv dem Betrachter entgegen gerichtet.
"Eine Ratte?" fragte ich um Fassung ringend.
"Nah dran: Ein Hamster." Der Doktor mit dem Hut hatte deutliche Freude an der Präsentation seines Werkes. Ich begann zu zittern. Mir war schwindelig und dieser undefinierbare, physische Schmerz ging mir durch und durch. Es brannte und stach wie Hunger und Angst. Es war mehr als Mitleid für einen toten Hamster. Es war mehr als Schrecken und Abwehr. Es war, als käme etwas aus diesem Ding direkt in mich hinein, als würde der Hamster mir etwas sagen, und es war unerträglich, was er mir mitteilte. In diesem Moment wurde mir schwarz vor Augen und ich verlor die Besinnung.
Ich erwachte auf der Kunstlederpritsche und erkannte das Büro des Mannes, der sich am Telefon als Liebchen vorgestellt hatte. "Geht es ihnen wieder besser?" erklang seine Stimme vom anderen Ende des Raumes. "Plastination ist beeindruckend, oder?"
Ich sah mich um. Über mir an der Wand leuchtete die weiße Fläche des Röntgenprojektors. Hatte dort zuvor ein Bild gehangen? Jetzt hing dort das graue, durchscheinende Bild eines menschlichen Torsos. Mein Hemd war aus der Hose gerutscht und falsch geknöpft. Drüben im Sessel saß der Mann mit dem Hut, die Hände in einander gefaltet.
"Sie haben einen schwachen Kreislauf. Sie sollten Sport treiben, dann sind sie in 7 Wochen wieder fit." 
Noch ehe ich mich aufrichten konnte, redete er weiter. Er redete schnell und monoton wie zur Beschwörung: "Unsere Spender ermöglichen einzigartige Einblicke in den Menschen. Durch ihre Körperspende können sie dauerhaft von Nutzen sein. Plastination ist der Mittelpunkt meines Lebens. Wir danken allen lebenden und verstorbenen für ihre selbstlose Körperspenden."
Er war aufgestanden. Er hatte seine Arme ausgebreitet wie zur Umarmung. Ich sah in seine Augen unter der Hutkrempe, und sah ihn glücklich, wie ich selten einen Menschen gesehen habe. Ich wollte weg. Meine Beine versagten. Ich fiel vorn über. Liebchen fing mich auf.
"Sie sollten sich schonen..." 
Nein, ich wollte weg.
 "Herr Schmidt, sie sollten auf ihr Herz aufpassen, sowas kommt oft völlig überraschend. Sind sie sicher, dass sie gut heimkommen?"
Ich nickte benommen. Hier rauszukommen war mein einziges Anliegen.
Sonnenstrahlen fielen durch den Spalt am Boden, als sich das Rolltor auf seinen Knopfdruck wieder ratternd öffnete.
"Passen sie auf, die Rampe ist manchmal rutschig." 
Ich taumelte hinaus, wo mir das von der nassen Straße reflektierte Sonnenlicht blendend bis ins Gehirn stach.
"Wenn sie Lust haben, schauen mal wieder vorbei. SPIELEN SIE SCHACH?" 
Irgendwie kam ich heil über die Rampe und die Stahltreppe herunter. Der Weg durch das Bahngelände kam mir vor wie eine Ewigkeit.
Drei Wochen später entdeckte ich zufällig den Ausweis in meine Brieftasche. Ich hatte einen Organspendeausweis bei mir. Ich wußte nicht woher... Der kleine graue Schein besagte, man solle meinen Körper nach meinem Ableben dem Institut für Plastination zur Verfügung stellen.
Mir wurde schwindelig. Ich schüttelte mit dem Kopf und steckte den Ausweis wieder zurück.  Aus irgendeinem mir unerklärlichen Grund vergas ich die Sache wieder. Es war wie das abschütteln eine bösen Traumes. 
Weitere vier Wochen später fühlte ich mich auf dem Heimweg plötzlich unwohl. Mein Herz raste, mir war heißkalt. Ich stand im vollen Bus und konnte mich gerade noch an der nächsten Haltestelle zwischen den Menschen hindurch zur Bustür und an die frische Luft retten. Dort lehnte ich am Haltestellenschild. Eine Frau fragte, ob es mir nicht gut ginge. Ich schüttelte den Kopf. Ich erblickte ein Arztschild an der Hauswand, zeigte darauf. Man half mir hinein. Ich fasste mich gerade soweit, dass ich es schaffte meine Krankenkassenkarte aus der Brieftasche zu fingern. Dabei fiel mir der graue Organspendeausweis wieder in die Hände. Ein pochender Schmerz stach mir bis in den Hals. Ich wurde auf einen Stuhl gehieft. Ich wollte das Papierstück zerreißen. Meine Hände zitterten. Ein Arzt kam, stellte fragen. Man nahm mir die Dokumente aus der Hand. Ich antwortete so gut ich konnte. Man machte meinen Arm frei, half mir auf eine Liege. Man hämmerte auf meiner Brust. Die Spritze habe ich nicht mehr gespürt. Alle Wiederbelebungsversuche schlugen fehl.
In der Schwärze des nahenden Todes sah ich weit entfernt einen Lichtpunkt, wie ein Loch mit der Stecknadel in eine schwarze Pappe gestoßen. Ich näherte mich ihm nicht. Etwas hielt mich fest.
Lange, unmessbare Zeit hing ich in der Schwärze. Dann hörte ich dumpf die murmelnde, quäkige Stimme und ich wußte, SIE hatte mich gehalten. Sie pendelte um mich und hielt mich gefangen in ihrem gottlosen Singsang. Ich spürte nichts, wußte aber, was mit meinem Körper geschah: Ich lag in chemischen Bädern. Ich wurde gewendet. Meine Haut wurde abgelöst. Meine Glieder wurden bearbeitet und geformt. Eines Tages wurde es heller. Zuerst sah ich nur verschwommen. Aber es reichte sofort, um den minimalen Lichtpunkt in der Ferne zu überscheinen. Ich befand mich in einem neonbeleuchteten Raum. Selbst als das Bild scharf wurde, dauerte es eine Weile, bis ich erkannte, was ich da sah: Ich sah meine enthäuteten Hände. Die Linke lag auf einer Tischplatte. Die Rechte schwebte darüber, als sei ich im Begriff etwas zu greifen, aber da war nichts. Ich starrte in die Leere. Ich konnte mich nicht bewegen. Ich atmete nicht.
"Herr Schmidt? - Sind sie da?"
Ich konnte nicht reagieren. Mein Bewusstsein war reduziert auf dem Anblick des Tisches vor mir, auf das Gehör, dass mir dumpf ein langatmiges Hörspiel bot, und auf einen Funken in meinem Inneren, einen mathematischen Punkt in meinem Inneren, so klein, so minimal und doch...
"Ich weiß, dass sie da drin sind. - Sie fragen sich, was mit ihnen geschehen soll. - Sie werden berühmt werden, nicht nur für Minuten, wie es jeder laut Warhol haben kann, nein, für die EWIGKEIT! - Habe ich gesagt 'Plastination ist ein kleines Wunder'? - Ich habe gelogen! - Sie ist ein Großes!"
Das Gesicht Günter von Hagens, geborener Liebchen, rückte in mein Sichtfeld.  Der Leichen-Beuys hatte seinen Hut nicht auf. Ich sah sein spärliches, fransiges Haar, durch das seine schorfige Kopfhaut zu sehen war, wie hinter schmutzigem, gelblichem Glas. Ich sah die Tätowierungen auf seinem Kopf, unzählige Zeichen, Kringel, Runen, Tiersymbole, Streifen, Wellenlinien, Mathematisches, Unheimliches. Er grinste mich an und setzte seinen Hut auf, ohne sich aufzurichten.
"Nächste Woche beginnt die Ausstellung der Körperwelten und dann, Herr Schmidt, tun sie besser daran, ihren Namen zu vergessen. Niemand wird ihn je erfahren. Sie sind DER SCHACHSPIELER. Spielen sie Schach? - Sie werden es lernen. Ich danke für ihre Körperspende!"
Man stellte mich in den Ausstellungssaal. Ich bekam mein Schachbrett. Ich sehe Menschen an mir vorbeigehen und höre sie über mich reden. Ich lausche ihrem Staunen. Ich weiß, dass mein Hirn frei liegt, und dass man mir ins Rückenmark schauen kann. Meine Schädeldecke wurde mir wie ein abgenommener Topfdeckel an der Schläfe befestigt. Sie staunen und schwatzen und manchmal fassen sie mich an, fassen mir in das Gehirn, ins Rückenmark. 

Wir, die anderen Exponate und ich, sind ein großer Erfolg. Wir sind um die ganze Welt gereist. Ich erkenne nicht viele Sprachen, aber Amerikaner erkenne ich. Sie sind hysterisch, arrogant und haben einen erschreckend kleinen Horizont. Einmal sah ich einen vor mir, hörte ihn um mich herumgehen und nahm ihn so nah wahr, dass ich seinen Kaugummiatem fast im Hirn spürte. Dann erschien er wieder vor mir und glotzte auf das Schachbrett. Er beugte sich vor, kam mir ekelhaft nah, stierte mir in die Augen, als sähe er aufgegeilt durch ein Schlüsselloch und sagte: "THIS is art. - This really IS art!"
Ein Künstler gibt toten Steinen eine Seele. Von Hagens ist kein Künstler. Manchmal setzt sich von Hagens vor mich hin und tut so, als spiele er mit mir Schach. Er macht das nur für das Foto, nur für die Journalisten, dann ist er wieder weg. Könnte ich mich bewegen, ich würde ihn schlagen. Seit 15 Jahren befasse ich mich mit nichts anderem als Schach.
Er würde verlieren. Er hätte keine Chance gegen mich. Seit 15 Jahren sitze ich vor diesem Schachbrett,  und weiß fast genauso lange, ich bin betrogen worden.Ein Künstler haucht einer Materie seine Seele ein. Von Hagens nimmt eine Seele und sperrt sie in eine Plastik. Es gibt keinen Ausweg: Ich kann nicht gewinnen.